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1947
Ein Meister im Hungerwinter
Der Winter 1946/47 war einer der kältesten des Jahrhunderts und eine
der schlimmsten Notzeiten im Nachkriegsdeutschland. Die Menschen
froren in ihren Wohnungen, Fleisch gab es nur auf
Lebensmittelmarken. Er ging als Hungerwinter in die Geschichte ein.
Genau in diesem Winter bereitete sich Heinrich Schneider auf seine
Meisterprüfung vor. Tagsüber arbeitete er mit daran, ein vom Krieg
zerstörtes Land wieder aufzubauen. Daneben lernte er für den
Meister. Das ist schon in guten Zeiten kein Spaziergang. Heinrich
hätte es lassen können. Er zog es durch und bestand im Juli 1947. Im
selben Jahr machte er sich selbstständig.
Heinrich gehörte zu einer Generation, die so schnell nichts
kleinkriegen konnte. Dieser Wille steckt bis heute in der Metzgerei.
Seinen ersten Laden eröffnete er im Dorfkern, am Dorfsaal Scheiff,
Tür an Tür mit der Kaffeerösterei. Wer zu Heinrich wollte, ging erst
durch den Duft frisch gerösteter Bohnen. Drinnen roch es dann nach
frisch geräuchertem Schinken und Würsten. Später zog die Metzgerei in
das Haus an der Kirchheimer Straße. Dort steht sie bis heute.
Etwas von Heinrich liegt noch immer in unserer Theke. Manche seiner
Rezepte machen wir bis heute genau so wie er.
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1962
Der Name wechselt, das Handwerk bleibt
Heinrichs Tochter Magdalena, von allen nur Magda genannt, heiratete
Jupp Schmitz. Eigentlich hieß er Wilhelm. Gerufen hat ihn so
niemand. Selbst auf seinem Meisterbrief sucht man den Wilhelm
vergeblich. Er war eben der Jupp, ein Dickkopf, der nicht
lockerließ.
1962 legte Jupp seine Meisterprüfung ab. Im selben Jahr übernahmen
er und Magda den Betrieb von Heinrich. Magda brachte die Metzgerei mit,
Jupp die Landwirtschaft. Vom Stall bis in die Theke lag damit
alles in einer Hand. Aus Schneider wurde Schmitz. Am Handwerk
änderte das nichts.
Leicht hatten es die beiden trotzdem nicht. In Kirchheim und den
Dörfern ringsum gab es damals viele Metzgereien. Über die Jahrzehnte
machte eine nach der anderen zu. Am Ende blieb im Ort eine übrig.
Sie heißt heute Landschlachterei Josef Schmitz.
Mittendrin wuchs ihr Sohn Josef auf, zwischen Stall, Feld und
Wurstküche. Das Handwerk ging ihm früh ins Blut. Den Dickkopf seines
Vaters hatte er gleich mit geerbt. Das sollte Jupp Senior noch merken.
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1988
Der „Quatsch“ mit den Märkten
„Was willst du mit den Märkten? Das ist doch Quatsch.“ Jupp konnte
über die Idee seines Sohnes nur lächeln.
Josef hatte sich da längst entschieden. Sein Herz schlug für die
Metzgerei. Zwei Betriebe nebeneinander, das spürte er, würden auf
Dauer zwei halbe bleiben. Die Viehhaltung wollte er deshalb nicht
weiterführen. Sein Vater ließ sie nach und nach auslaufen. Die Tiere
kommen seitdem von Landwirten, die Josef kennt.
Warum, steht hier.
1988 wagten Josef und Ramona den Sprung in die Selbstständigkeit.
Die beiden waren noch sehr jung und trugen von heute auf morgen das
volle Risiko. Den Laden in Kirchheim führten weiter Josefs Eltern.
Josef und Ramona fuhren gemeinsam raus auf die Märkte. Josef ließ
sich nicht beirren und zog seine Idee durch, Markttag für Markttag.
Die Ware kaufte Josef anfangs seinem Vater ab. Nach und nach stellte
er sie selbst her. Neun Jahre lang gab es so zwei getrennte
Geschäfte in einer Familie: den Laden der Eltern und die Märkte des
Sohnes.
Ausgerechnet der „Quatsch“ wurde mit den Jahren zur erfolgreichsten
Sparte des Betriebs. Die Idee dahinter war einfach: Wer nicht nach
Kirchheim kommt, zu dem fährt Josef eben hin. Heute würde man sagen:
Wurst auf Achse. So steht die
Landschlachterei Schmitz inzwischen mitten in Köln, in Brühl, Hürth
und Erftstadt.
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1997
50 Jahre und ein neuer Laden
Fünfzig Jahre nachdem Heinrich im Hungerwinter angefangen hatte,
wurde aus zwei Geschäften wieder eins. Zum Jubiläum bauten Josef und
Ramona das Ladengeschäft an der Kirchheimer Straße aufwendig um und
eröffneten es neu. Von da an führten sie offiziell den ganzen
Betrieb, Laden und Märkte zusammen.
Neun Jahre lang waren die beiden gemeinsam auf die Märkte gefahren.
Jetzt teilten sie sich auf. Ramona ging nach und nach in den Laden
und baute den Partyservice ganz neu auf. Josef blieb auf der
Straße. Mit dem eigenen Marktfahrzeug steht er bis heute auf den
Plätzen.
Zu Hause wuchsen inzwischen zwei Jungs heran, Martin und Michael.
Beide sollten später mit anpacken, jeder auf seine Art.
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2012
Martin legt den Meister ab
„Das können die mir per Post schicken. Ich muss auf den Markt, meine
Kunden warten.“ So antwortete Martin 2012, als er zur Verleihung
einer Ehrenurkunde kommen sollte. Er hatte gerade seine
Meisterprüfung bestanden und gehörte zu den Besten und Jüngsten
seines Jahrgangs. Mit 19
war er einer der jüngsten Metzgermeister Deutschlands. Der Markt,
über den sein Großvater Jupp einmal gelächelt hatte, war ihm
wichtiger als jede Feierstunde.
Angefangen hatte das schon im Kindergarten. Damals wollte Martin
wissen, was sein Vater da den ganzen Tag macht. Woher kommt das
Essen? Wie wird geschlachtet? Was passiert alles, bis etwas in der
Theke liegt? Aus der Neugier wurde bald Leidenschaft.
Nach der Realschule stieg er in den Betrieb ein. Der Zeitpunkt hätte
kaum wichtiger sein können. Die Metzgerei wuchs und wuchs, Josef
trug fast alles allein. Lange wäre das nicht mehr gut gegangen.
Martin wollte so schnell wie möglich mit anpacken. Er verkürzte die
Lehre und hängte gleich den Meister dran, in drei Monaten an der
Fleischerschule in Frankfurt. Die Kölnische Rundschau schrieb
darüber.
Für Josef fiel damit eine große Last ab. Er war nicht mehr der
einzige Meister im Haus. Der zweite war sein eigener Sohn, der die
Metzgerei kannte, seit er laufen konnte. Dem konnte er blind
vertrauen.
Zum Zeitungsartikel von 2012
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2016
Michael kommt nach Hause
Michael kam an Heiligabend zur Welt. Für eine Metzgerei ist das der
anstrengendste und wichtigste Tag im Jahr. Josef brachte Ramona mit
dem Marktfahrzeug in den Kreißsaal. Hinten im Wagen lagen die
Weihnachtsbestellungen der Kundschaft. Als Michael da war, lieferte
Josef sie noch aus.
Michael ging einen anderen Weg als sein Bruder und machte eine
kaufmännische Ausbildung. 2015 war er damit fertig. Lange hielt er
es in einem fremden Betrieb nicht aus, während zu Hause die Hütte
brannte.
Auch ein Handwerksbetrieb kommt heute ums Büro nicht mehr herum. Die
Auflagen werden mehr, die Kontrollen genauer, Jahr für Jahr kommen
neue Gesetze dazu. Martin und Josef sind gute Handwerker. Das Büro
war nie ihre Sache. Josef und Excel werden in diesem Leben keine
Freunde mehr. Mit Zettel und Kuli kommt man heute aber nicht mehr
weit.
Also kam Michael 2016 nach Hause. Er krempelte das Büro um und brachte
Ordnung hinein, wie es nur ein Kaufmann kann. Seitdem steht auch
die wirtschaftliche Seite auf festem Kurs. Der eine Bruder ist
Handwerksmeister und der andere Kaufmann. Damit steht der Betrieb
auf zwei gesunden Beinen.
Eine Regel hat Michael sich trotzdem gesetzt. Zwei Tage in der Woche
gehören fest dem Büro. An den übrigen steht er in der Produktion und
im Verkauf, da, wo man mitbekommt, was die Leute wirklich wollen.
Was zwischendurch am Schreibtisch anfällt, erledigt er nebenbei, oft
nach dem Markt.
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2020
Ein Dach über allem, was wir aufgebaut haben
Die Märkte, über die Jupp Senior einmal gelächelt hatte, waren längst das
Herz des Betriebs. Acht Markttermine standen jede Woche im Kalender,
dazu kam der Partyservice. Mit Martin und Michael war die nächste
Generation im Haus. Nur das Grundstück war im Kern noch das alte.
Platz war bei uns immer knapp. Wir haben jeden Winkel genutzt und
jeden Handgriff so gelegt, dass alles lief. Das ging gut, Jahr für
Jahr. In der Familie wuchs trotzdem ein Traum: eine eigene Halle.
2020 haben wir ihn uns erfüllt. 500 Quadratmeter groß ist unsere
Fahrzeughalle, direkt mit Produktion und Küche verbunden. Darin
haben die Marktfahrzeuge heute ihren festen Platz. Dazu kommen
Kühlhäuser, ein Hochregallager, Umkleide, Wäschekammer und ein
moderner Sanitärtrakt mit Dusche.
Seitdem stehen unsere Wagen trocken und warm. Beladen wird drinnen,
ob draußen die Sonne scheint oder der Regen quer kommt. Alles, was
wir neben dem Fleisch brauchen, kaufen wir heute in großen Mengen
ein: Pökelsalz, Hackschnitzel zum Räuchern, Vakuumbeutel, Papier und
vieles mehr. Im Hochregal ist für alles Platz. Das macht uns
flexibel wie nie zuvor.
Und das Dach arbeitet mit. Später kam eine Photovoltaikanlage
hinauf, 100 kWp mit einem Speicher von 60 kWh. Ihr Strom kühlt
unsere Ware, treibt die Produktion an und lädt unseren eSprinter.
Mehr über Energie und Zukunft
Günstig war das nicht. Aber so hat es hier jede Generation
gehalten. Heinrich fing im Hungerwinter an. Jupp und Magda hielten
durch, als ringsum die Metzgereien verschwanden. Josef und Ramona
bauten 1997 den Laden neu. Jeder hat etwas hinterlassen, auf dem die
Nächsten aufbauen können. Die Halle ist unser Teil davon. Gebaut
nicht für das nächste Jahr, sondern für die nächste Generation.
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2025
Zu dritt in der Geschäftsleitung
Seit 2025 ist offiziell, was im Alltag längst gilt. Martin und
Michael haben Prokura und leiten den Betrieb an der Seite ihres
Vaters. Damit führt
die vierte Generation den Betrieb, den Heinrich im Hungerwinter
gegründet hat. Die Verantwortung liegt jetzt auf drei Schultern. Eigentlich ist das nur
ein Akt auf dem Papier. Wichtig ist er trotzdem. Ramona kümmert sich
weiter um das Ladengeschäft und den Partyservice.
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Und die Geschichte geht weiter.
Die nächsten Kapitel schreiben Martin und Michael. Josef und Ramona
stehen weiter in der Wurstküche, im Laden und auf dem Markt.